Kultur der Wunde
Zur visuellen Veralltäglichung des kulturellen Traumas in Serbien
Teilprojekt
Im Rahmen seines Kollegaufenthaltes bearbeitet Dr. Daniel Šuber ein gleichnamiges Forschungsprojekt.
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Abstract
Das Projekt beschäftigt sich mit der Entwicklung der serbischen visuellen Kultur von der Mitte der 1980er Jahre bis in die Gegenwart. Es orientiert sich dabei an drei leitenden Fragestellungen:
- ob und in welchem Ausmaß die visuelle Wahrnehmung der serbischen Bevölkerung durch die Nationalisierungspolitik der 80er Jahre beeinflusst wurde;
- inwiefern visuell-symbolische Repräsentationen selbst als politik- und bewusstseinsprägende Medien aufgefasst werden müssen, deren Eigenlogik gegenüber schriftlichen Medien zu analysieren wäre;
- wie sich eine spezifische visuelle Wahrnehmungsweise in der serbischen Alltagskultur widerspiegelt.
Diesen Fragen soll anhand von Graffitis als empirischen Forschungsgegenstand nachgegangen werden. Graffitis werden selbst in den Cultural und Visual Studies als signifikante Bedeutungsgeneratoren und konkrete Ausformung eines spezifischen visuellen Regimes vernachlässigt. Insbesondere wird deren sozio-politische Relevanz für den Kulturraum des Balkans unterschätzt. Die Analyse soll Aufschlüsse über die mikro-politische Wirkung dieser alltäglichen Repräsentationsstrategien liefern. Der These einer vermeintlichen Verführung der serbischen Bevölkerungsmehrheit durch eine kleine politische Gruppe als Erklärung des Kriegsausbruchs kann somit eine kulturwissenschaftlich fundierte Analyse gegenüber gestellt werden, die die Komplexität politischer Vermittlungsprozesse zu fassen vermag.
Eine der angenommenen Hypothesen des Projekts leitet sich aus einer Analyse serbischer Kriegsfilme seit 1991 (Šuber, im Erscheinen) ab, in denen sich der Eindruck einer kriegstraumatisierten Alltagskultur widerspiegelt. Einige Interpreten haben diesbezüglich sogar von einer „Kultur der Wunde“ (Krstić 2000) sprechen wollen.
Die Wundenkultur der 1990er Jahre, so eine weitere Ausgangsthese, erneuert semiologisch das Kosovo-Narrativ, welches im Zuge der „serbischen Kulturrevolution“ (Garde) zwischen 1986 und 1989 revitalisiert wurde und eine traumatologische Struktur aufweist (Šuber 2004). In diesem Sinne darf die Visualkultur der 1990er Jahre nicht als bloße Kriegsfolge betrachtet, sondern muss vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse seit 1980 gesehen werden.
An diese Beobachtung knüpft sich schließlich die für eine politische Ikonografie zentrale Frage, inwiefern Deutungsmuster grundsätzlich auf visuell-performative Übersetzungen angewiesen sind, sowie die inhaltlich-konkrete Frage, ob der serbischen Öffentlichkeit bereits vor dem aktuellen Kriegsausbruch ein „kulturelles Trauma“ (Alexander et al. 2004) zugeschrieben werden muss, welches den Krieg möglicherweise sogar erst ermöglicht hat. Dass es sich bei Graffitis um signifikante Quellen zur Ermittlung von Übersetzungsprozessen kollektiver Repräsentationen auf die Alltagsebene handelt, ist die zentrale theoretische Annahme des Forschungsprojektes.
Zitierte Literatur
Alexander, J.C. et al. (Hg.) (2004). Cultural Trauma and Collective Identity, Berkeley.
Krstić, I. (2000). Serbia's wound culture. Teenage killers in Miloševic's Serbia: Srdjan Dragojević's Rane, in: The celluloid tinderbox. Yugoslav screen reflections of a turbulent decade, hg. von A.J. Horton, Shropshire, 2000, S. 89-102.
Šuber, D. (2004). Kollektive Erinnerung und nationale Identität in Serbien. Zu einer kulturalistischen Interpretation des Anfangs vom Ende Jugoslawiens, in: Tätertrauma. Nationale Erinnerungen im öffentlichen Diskurs, hg. von B. Giesen und C. Schneider, Konstanz, S. 347-379.
Šuber, D. (im Erscheinen). Zur Reflexion des Balkan-Krieges im Spiegel des serbischen Kriegsfilms, in: Krieg Sichten. Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien, hg. von D. Beganović und P. Braun, München.
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Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke über „Dichtende Despoten“. Videobeitrag von zdf.kultur und 3sat Kulturzeit